Welche Themen interessieren Sie?

© Jasmin Sohnemann
Kinder erleben Kunst: Vier Autor:innen lesen in der aktuellen Ausstellung im Bucerius Kunst Forum

 Kinder unter (Kunst-)Kindern: Ende Januar 2026 bot sich ein besonderes Bild im Bucerius Kunst Forum: Zwischen den künstlerischen Darstellungen junger Menschen, die in der Ausstellung „Kinder, Kinder!“ zu sehen sind, lauschten rund 50 quicklebendige Kinder, am Boden auf Kissen sitzend, gebannt den Geschichten und Gedanken von Erwachsenen. Doch nicht das ausgestellte Werk stand im Mittelpunkt, sondern die Geschichten der Vortragenden: Kinderbücher von Tina Blase, Nils Mohl, Franziska Biermann und Kai Pannen.

Interaktives Format mitten in der Ausstellung: Erste Sitzkissenlesung von ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Literaturhaus und Bucerius Kunst Forum

Das Format, genannt „Sitzkissenlesung“, entstand als Kooperation zwischen uns als ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, dem Jungen Literaturhaus sowie dem von uns getragenen Ausstellungshaus. Ziel war es, einerseits kindgerecht in die Themen der Ausstellung „Kinder, Kinder!“ einzuführen, etwa wie unterschiedlich Kindheit über die Jahrhunderte wahrgenommen wurde, welche Machstrukturen in Kinderdarstellungen offengelegt, welche Signale gesendet werden sollten. Vor allem aber sollte die Begegnung mit Kunstschaffenden und ihrem Werk, umrahmt von künstlerisch verewigten Altersgenoss:innen, Fantasie und Kreativität anregen, kurzum: Lust auf Kunst machen. Das war ein Experiment, zumal im laufenden Betrieb am Wochenende. Und es ist gelungen: Die Veranstaltung war in kurzer Zeit ausgebucht. Alle Kinder, überwiegend im Grundschulalter, widmeten ihre volle Aufmerksamkeit über 90 Minuten den gleichermaßen spannenden wie zugewandten Vorträgen der Kinderbuchautor:innen, die ihnen per Kopfhörer ins Ohr übertragen wurden.

An vier mit Laternen markierten Stationen lasen die Autor:innen, sprachen über ein ausgewähltes Werk der Ausstellung – und ließen die Kinder, wie Franziska Biermann, sogar selbst Poesie schaffen. Als Gemeinschaftsproduktion – besser: Co-Creation – entstand ein Gedicht in Form eines Elfchens. In den dafür vorgegebenen 11 Wörtern konnte sowohl ein Bezug auf John Stanton Wards Gemälde „Die Newspaper Boys“ (1960) hergestellt als auch der mitunter willkürlich anmutende Akt künstlerischer Schöpfung betont werden: Spielen / Macht Spaß / Für besondere Hühner / Kunstvoll picken sie herum / Zeitungskonfetti.

Geschichten von Herrn Fuchs, Jasper, Maxi und einer besonderen Biene

Biermann, bekannt und ausgezeichnet für ihre fantasievollen Geschichten und Illustrationen, hatte ihren literaturliebenden „Herrn Fuchs“ mitgebracht. Er liest Bücher nicht nur, sondern verspeist sie auch genussvoll. Sie bieten ihm gleichsam Nahrung für das Gehirn und für den Magen. Was denn im Gehirn wohne, fragte sie die Zuhörenden – die schnell die „Fantasie“ nannten und erklärten, dass diese zum Spielen, Malen und Schreiben gebraucht werde.

Zuvor hatte Nils Mohl das Publikum mit „Jasper“ bekannt gemacht, einem nicht sehr glücklichen Jungen, der sich vor der drohenden Verschickung ins Internat auf die Insel der „Schlasocks“ flüchtet. Diese monsterartigen Wesen kennen weder Menschen noch Kinder, und so ist Jasper zunächst ein Fremder, der abgelehnt wird und „eingebuddelt“ werden soll – bis es ihm gelingt, ihr Interesse zu wecken. Das gleichnamige Buch ist Mohls erster Kinderroman und liebevoll illustriert von Michael Roher. Besondere Heiterkeit erzielte er mit seinem alliterationsreichen Gedicht über eine Kakerlake im Kebap von Karl. Es erscheint im März in seinem neuen Gedichtband.

Auch Tina Blase stellte mit Leo Helsing Krüger einen Jungen mit einigen Sorgen vor. Der Zehnjährige will seine neue Klasse beeindrucken und endlich Freunde finden, ist aber reichlich ängstlich und neigt zum Missgeschick. Später werde – so kündigte sie an – der ungeplant auf einem Friedhof geborene Leo herausfinden, dass er mit Geistern sprechen kann, sogar ihr Helfer und Freund werden. Ob sein Wunsch cool zu werden sich in „Die Geisterhelfer“ erfülle ließ sie offen, erklärte jedoch, dass es wichtiger sei, wenige, dafür gute Freundschaften zu haben. Was mit Porträts wie dem an ihrer Station ausgestellten Bildnis des englischen Thronfolgers Charles (1630-1685) ausgedrückt werden sollte, nämlich dass die Nachfolge in der herrschenden Familie und damit die Kontinuität ihrer Macht gesichert sei, machte sie ebenfalls deutlich – und unterstrich, dass auch hier das Bild einen Zweck erfülle, der nicht immer die Wirklichkeit spiegele.

Kai Pannens Protagonist Maxi ist dagegen vor allem unangepasst. Die Bienenmade stellt ihr Zuhause, die Wabe 13, in der sie mit ihren 1566 Geschwistern in 21 Tagen zur pflichtbewussten Arbeitsbiene heranwachsen soll, ordentlich auf den Kopf. Maxi verhält sich in „Rabatz in Wabe 13“ keineswegs bienenkonform, was sich nicht nur darin zeigt, dass sie abenteuerlustig ist und, absolut unüblich, ihren Geburtstag plant. Pannen hatte seine lebensfrohen Zeichnungen der turbulenten Bienenwelt dabei – und freute sich über eine Familie, die mit zwei Töchtern eigens für ihn aus Berlin angereist war.

 

Neues Format schafft Neugier auf Literatur und Kunst

Vor der Lesung führte Dr. Katrin Dyballa, Kuratorin von „Kinder, Kinder!“, in die Ausstellung ein. Hinterher wurden Autogramme verteilt und mitgebrachte Bücher signiert – ganz wie bei Lesungen für Erwachsene. Befragte Kinder sprachen einhellig von einem sehr guten Nachmittagserlebnis, das Lust auf die vorgestellten Bücher geweckt habe. In Erinnerung bleiben das Bild der Ruhe, Konzentration und Begeisterung, mit der die große Gruppe bei der Sache war; und die erneuerte Erkenntnis, wie wertvoll Kinderliteratur und -poesie ist: um Fantasie zu entfalten, Gefühlswelten und Erfahrungen in spannenden Geschichten zu spiegeln – und Mut zu machen, sich zu entwickeln und zu wachsen.

Mehr zur Ausstellung „Kinder, Kinder!“ lesen Sie hier. Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April 2026 im Bucerius Kunst Forum zu sehen.

Ergebnisse 111 von 261.
Jetzt Newsletter abonnieren!