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 © ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
Die Seele des Hauses

Es gibt Menschen, über deren Leben könnte man viele Bücher mit ganz unterschiedlichen Titeln schreiben. Gerd Bucerius war so einer, „ein energiegeladenes Bündel von Widersprüchen“, wie Theo Sommer meinte. Bucerius machte in mehreren Bereichen Karriere und hat dabei viel geschaffen. Man könnte also Bücher über den Verleger schreiben, über den streitbaren Politiker oder über den Stifter. Und das Unglaubliche ist: All diese Geschichten sind wahr!

Der Demokrat
In seinem Abituraufsatz kritisierte Bucerius im Jahr 1924 das Kaiserreich („zum Heile der Kulturmenschheit zusammengebrochen“) und die spießbürgerliche Ehe. Wer will, kann hier schon den scharfen, streitlustigen, polemischen Geist erkennen, mit dem er später in Gerichtssälen, Verlagshäusern und im Bundestag agierte. Nach dem Jurastudium arbeitete Bucerius – ab 1932 – in der Kanzlei seines Vaters. In dieser Zeit verteidigte er auch Juden, Jüdinnen und andere Verfolgte des NS-Regimes.

„Besinnungslos mutig“ nannte Marion Gräfin Dönhoff sein Verhalten während der NS-Zeit. Er selbst meinte: „Ich war einer, der sich bückte und drückte, aber nicht nachgab.“ Nach dem Krieg wurde er Bausenator in Hamburg, war im Frankfurter Wirtschaftsrat und zog 1949 für die CDU in den Bundestag ein. Mit 480 Silben pro Minute galt der Abgeordnete des Wahlkreises Hamburg I/Mitte als einer der schnellsten Redner des Parlaments. Immer wieder eckte Bucerius in seiner Partei an, sprach sich Anfang der 1960er Jahre etwa als einer von wenigen gegen eine vierte Kanzlerschaft Adenauers aus.

Der Verleger
Am meisten erfährt man über einen Menschen, wenn seine verschiedenen Rollen und Ziele in Konflikt geraten; dann genau braucht dieser einen inneren Kompass, eine klare Haltung. Noch heute erzählen die Mitarbeitenden der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, wie der CDU-Abgeordnete und „Stern“-Verleger Bucerius einen Magazinartikel mit dem Titel „Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer“ gegen Kritik aus konservativ-kirchlichen Kreisen, weil er christliche Empfindungen verletze, verteidigte. Obwohl er den Text selbst wenig gelungen fand, schimpfte er über einen „unbegreiflichen Fall von Intoleranz“ der CDU, legte sein Mandat nieder und trat aus der Partei aus. Schon 1946 hatte Bucerius mit anderen die ZEIT gegründet und später die Anteilsmehrheit am „Stern“ erworben.

Gemeinsam mit seiner Frau Ebelin Bucerius, die ab 1951 als Geschäftsführerin des Zeitverlags agierte, durchstand Bucerius auch schwierige Zeiten, aber das gehörte für ihn dazu: „Echte Freiheit heißt Risiko.“ Seine Weggefährten wie etwa Helmut Schmidt oder Theo Sommer berichteten über lauten Streit mit Bucerius, heftige Debatten und gute Pointen, die Lust an der Auseinandersetzung und Synthese. Die Unabhängigkeit der Redaktion war ihm heilig – auch wenn sie nicht seine Meinung vertrat. „Das muss man ertragen“, schrieb er 1985 in seiner ZEIT-Kolumne und rühmte gleichzeitig die Freuden des Verlegerberufs.

Die Stifter
„Ein Blatt wie die ZEIT ist immer gefährdet; schon ihre Existenz ist ein glücklicher Zufall“, hat Bucerius mal geschrieben. 1971 gründete er die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und übertrug ihr die Rechte am Titel „DIE ZEIT“ – auch um den Fortbestand der Wochenzeitung zu sichern. In einem bemerkenswert transparenten Text in der ZEIT schilderte Bucerius der Leserschaft 1985 die Eigentümerkonstellation und seine Pläne: „Nach meinem und meiner Frau Testament fallen der Verlag und unser anderes Vermögen nach unserem Tod an die Stiftung.“

Aber noch zu Bucerius’ Lebzeiten „stellte die Stiftung mehr als zehn Millionen Mark der Öffentlichkeit zur Verfügung“, wie er 1989 in einem Aufsatz über Stiftungsarbeit schrieb – für Bildungsprojekte, internationalen Austausch und das Hamburger Literaturhaus. Nach dem Tod von Gerd Bucerius (1995) und Ebelin Bucerius (1997) erbte die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS beider Vermögen. Stiftungen, so Bucerius, seien ein „wichtiges Steuerungsinstrument“: Was weder der Staat noch einzelne Bürger:innen vermögen, das könne eine Stiftung leisten. Wir geben unser Bestes.

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